Warum ein halber Baumstamm in unserer Küche lag, weiss ich nicht mehr. Doch er lag dort, auf dem Dielenboden. Er war gross. Viel länger als ich hoch war. Es war ein trockener Stamm aus dem Brennholzvorrat. Grau, nicht braun wie die Bäume im Wald. Auch war da keine Rinde mehr daran. Fasern und Risse liefen längs den Stamm entlang. Dunkle Astaugen sahen hier und da aus dem Holz.

Es war ein verregneter Tag im April. Ich erinnere mich, dass der Regen schon tagelang gegen die Fenster klopfte. Nachts war das besonders unheimlich. Wenn alle im Haus schliefen und einzig das kleine Kätzchen durch die leeren Zimmer schlich.

Die alten Holzbalken knarrten, wie auf einem Schiff. Unnachgiebig peitschte der Regen an die Fenster und wütend stemmte sich der Wind gegen die Scheiben. Ich verkroch mich unter meiner Decke und zog die Beine so fest an mich heran, dass ich mein Kopf zwischen meine Knie stecken konnte. Ich zitterte in meinem dünnen Baumwollhemdchen. Ach wenn nur die Katze zu mir käme. Mit ihr unter der Decke wäre es etwas wärmer und auch nicht mehr ganz so unheimlich. Doch die Katze kam nicht. Sie stieg den Mäusen nach, die sich in diesen kalten Apriltagen ins Haus zurückgezogen hatten.

Jedenfalls war da plötzlich der halbe Baumstamm in der Küche. Es ist schon lange her und an viele Dinge kann ich mich nicht mehr erinnern, aber das ist geblieben. Ich hätte mir nichts schöneres zum Spielen denken können.

Meine Mutter stand in der Küche und stampfte Brot. So hatte ich das immer genannt, weil sie mit einem Holzlöffel im zähen Teig herumstocherte. Ich war das letzte ihrer Kinder und das Nesthäkchen. Wie ein Schatten folgte ich ihr überall hin. Ich liebte sie sehr. Diese grosse mutige Frau. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Sie war meine Heldin. Was ich nicht schaffte, schafften wir gemeinsam. Wir sammelten glitschige Schnecken von der Strasse und setzten sie ins feuchte Gras. Sie nahm die Spinnen von der Wand und brachte sie nach draussen und sie heilte all meine Wunden.

Doch an diesem Tag schaffte ich etwas, dass meine Mama nicht konnte. In der Küche war es warm. Im April musste man morgens noch anheizen. Und ich lief schon den ganzen Tag im Kleid und Wollsocken herum. Meine Mutter hatte keine Zeit für mich, denn sie musste ja das Brot stampfen und dann noch meinem grösseren Bruder beim Lesen helfen. Immer wieder ermahnte sie mich, ich solle doch still sein. Aber still sein, ist ziemlich schwierig, wenn einem langweilig ist.

Ich schlenderte durchs Haus und suchte die Katze, doch die hatte sich anscheinend verkrochen. Neugierig schaute ich in alle Zimmer, doch da waren nur meine grossen Geschwister, die mich wütend wegschickten. Also ging ich vor mich hin schimpfend die Treppe wieder hinunter und in die Küche. Und da war er plötzlich. Da wo er eigentlich nicht hingehörte. Der halbe Baumstamm. Sofort vergass ich meine schlechte Laune. Meine Augen funkelten. Ich besah das merkwürdige Ding von allen Seiten. Er schaukelte von einer Seite auf die andere. Ich setzte mich langsam darauf. Vorsichtig äugte ich kurz zu meiner Mama. Aber sie sagte nichts. Also durfte ich wohl darauf sitzen. Ich zog meine Wollsocken aus und tastete mich mit nackten Füssen Stamm entlang. Er fühlte sich rau an. Weil es so wackelte, krallte ich meine Füsse fest auf das Holz. Erst fiel ich immer wieder herunter, doch dann stand ich fest auf dem wippenden Stamm. Ich balancierte unsicher mein Gleichgewicht aus. Dann hob ich sogar mutig einen Fuss. Meine Mutter klatschte in die Hände. Das war toll, meinte sie stolz. Nun kletterte ich auf dem Stamm herum, sprang über hinweg, kroch bäuchlinks darüber und lief so schnell es ging darüber. Ich stellte allerlei Dinge mit ihm an. Das brachte mein Mutter wohl auf eine Idee und sie gab mir ihre Knopfschachtel. Ich hockte mich auf den Baumstamm und schüttelte die Schachtel. Nun war vom Regen nichts mehr zu hören. Ich dachte auch überhaupt nicht mehr an den trüben Tag und die Langeweile und das ich still sein sollte.

In der Schachtel rasselten viele Knöpfe und ich tanzte dazu über den Stamm. Nun wollte ich die Knöpfe natürlich sehen, die da so fröhlich klapperten. Ich öffnete die Schachtel und legte einen Knopf nach dem anderen auf den Stamm. Eine lange bunte Schlange schlängelte sich über das graue Holz. Ich liess den Stamm wild hin und her schaukeln, so dass alle Knöpfe, wie auf einem Schiff hin und her rutschten und schliesslich herunterfielen. Aber das Beste war die Murmel, die ich zwischen den Knöpfen gefunden hatte. Ich legte sie auf das Holz und stiess sie vorsichtig an. Sie rollte erst auf die eine Seite dann auf die andere Seite. Ich musste aufpassen, dass sie nicht herunterrollte. Vorsichtig balancierte ich die Murmel über den rauen Untergrund.

So spielte ich mit den Knopfpiraten, der Kanonenkugelmurmel und dem Baumstammschiff den ganzen Tag. Und vielleicht noch die nächsten Tage. Und dann war der Regen vorbei und die Sonne schien wieder. Ich ging nach draussen, um in die Pfützen zu springen und Regenwürmer zu sammeln. Am Abend kam ich in die Küche gerannt. Ich hatte einen Korb voll goldgelben Löwenzahnblüten gesammelt, die ich auf meinen Stamm legen wollte. Doch er war weg. Ich sah traurig meine Mutter an. Sie versuchte mir zu erklären, dass das ein Regentagespiel war und nun doch wieder die Sonne schien. Mit Tränen erfüllten Augen lief in die Scheune, doch der Stamm war nirgends zu entdecken.

Ich erinnere mich noch, wie ich mich dann erschöpft auf einen neu aufgeschichteten Brennholzstapel setzte und weinte. Die heissen Tränen liefen mir über die Wangen. Ich verstand es einfach nicht. Man kann doch auch an Sonnentagen auf Baumstämmen balancieren. Traurig malte ich mit den Fingern im frischen Sägemehl neben dem Brennholzstapel. Den halben Baumstamm habe ich nie wieder gesehen, obwohl es noch viele Regentage gab.