„Na geil!“, rief Jessica durchs Haus. Sie war gerade von der Schule nach Hause gekommen, da bemerkte sie, dass die Badezimmertür abgeschlossen war. Energisch hämmert sie gegen die Badezimmertür. Sie hörte etwas, doch die Tür blieb verschlossen. „Ich muss pinkeln!“, hallte es den leeren Korridor entlang. Alle Jacken, die am Morgen noch gemütlich am Boden verteilt lagen, hingen nun ordentlich an der Garderobe. Die Schuhe, schön aufgereiht im Schuhregal, schienen sie höhnisch auszulachen.

„Man ey, ich mach mir gleich in die Hose.“, schrie die 14jährige  die Tür an.

„Vergiss es. Ich habe das auch schon versucht. Aber nichts.“, sagte ihr jüngerer Bruder. Er sass auf der Treppe zum ersten Stock und schaute durchs Geländer. Dann kam er herunter und hockte sich neben die grosse Schwester.

„Ich warte schon fast eine Stunde.“, sagte er.

„Waaas? Eine Stunde. Meinst du Mami ist etwas passiert?“ Jessica wurde blass. Sie streifte ihre langen braunen Haare zurück und fasste sie zu einem Zopf zusammen.

„Nee. Ab und zu singt sie irgendetwas unverständliches. Und sie lässt heisses Wasser nachlaufen.“

„Meinst du, wir sollten Papa anrufen?“ Jessica war unschlüssig. Was wenn Mama einfach nur mal gemütlich baden wollte. Dafür jetzt ihren Vater von der Arbeit holen? Sie stand auf und ging in die Küche. „Komm Krümel. Ich mach uns erst einmal etwas zu essen. Wir können ja auch am Küchentisch warten. So lange kann das ja nicht mehr dauern. Mama kann ja nicht den ganzen Tag in der Wanne liegen.“ Jessica stiess die Tür zur Küche mit dem Fuss auf. Dann blieb sie stehen. Auf dem Tisch stand noch das ganze Frühstücksgeschirr.

„Na bitte, da steht noch das Brot und die Butter. Willst du auch Marmelade?“, fragte sie den kleinen Blondschopf.

„Ich mach das selber.“, protestierte er und machte sich daran sein Brot zu schmieren. Marmelade kleckerte herunter und Max schmierte mit dem Finger darin herum.

„Ih, musst du das immer machen?“, Jessica sah angewidert zu ihrem Bruder.

„Was machen wir, wenn sie nicht mehr heraus kommt?“, fragte Max.

„Weiss nicht.“, brummte Jessica mit vollem Mund. „Sie wird schon wieder rauskommen.“ Nachdenklich sah sie aus dem Fenster in den winterlichen Garten. Was machte ihre Mutter nur so lange im Bad, überlegte sie. Und warum hatte sie sich eingeschlossen? Dann hörten sie ein Geräusch im Flur. Die Kinder drehten sich zur Tür, doch nichts passierte. Also gingen sie vorsichtig Richtung Flur. Sie schoben langsam die Tür auf und sahen in den Korridor. Dort stand ihre Mutter, frisch gebadet und duftend und kämmte sich das nasse Haar. Als sie sich zu den Kindern umdrehte, lächelte sie diese an und zeigte mit der Hand aufs Badezimmer.

„Ist jetzt frei.“, sagte sie heiter. Dann sahen Jessica und Max das Schild, dass ihre Mutter um den Hals trug, „Out of Order“.

„Was heisst ‚od off oder‘?“, flüsterte Max.

„Ausser Betrieb.“, sagte Jessica und runzelte die Stirn. Ihre Mutter war ausser Betrieb, was hiess das? Max rannte an seiner Mutter vorbei und stürzte ins Bad. Jessica ging den Flur entlang.

„Alles okay, Mama?“, fragte sie. Ihre Mutter nickte freundlich. Dann ging sie an Jessica vorbei ins Wohnzimmer. Dort nahm sie sich ein Buch und kuschelte sich in eine Wolldecke. Den ganzen Nachmittag blieb sie dort sitzen und las.

Jessica versuchte es noch ein zwei Mal sie anzusprechen, doch ihre Mutter lächelte nur und las weiter. Schliesslich räumte Jessica das Frühstücksgeschirr weg und schimpfte dabei lauthals mit ihrem Bruder, der ihr ruhig mal dabei helfen könnte. Immerhin wäre bald Abendbrotzeit und Papa käme auch bald nach Hause. Doch Max half nicht. Er spielte im Wohnzimmer mit seinem Fussball. Beunruhigt schaute er zu seiner Mama auf der Couch, als sein Ball nur knapp am Fernseher vorbei flog. Doch seine Mutter liess sich nicht stören. Sie sah nicht einmal von ihrem Buch hoch.

„Ehmm, Mama?“, versuchte Jessica noch einmal vorsichtig ein Gespräch. „Ich habe nur noch eine Unterhose im Schrank. Wir müssten vielleicht Wäsche waschen?“

„Ja, eine gute Idee.“, sagte ihre Mutter und lass weiter.

Am Abend kam Jessicas Papa nach Hause.

„Endlich bist du da. Mit Mama stimmt etwas nicht. Sie liesst die ganze Zeit.“, sagte Jessica.

„Sie räumt nicht auf.“, sagte Max.

Papa ging zur Couch. Er küsste seine Frau auf die Stirn. Dann sah er das Schild um ihren Hals. Nachdenklich verharrte er vor dem Sofa.

„Und?“, flüsterte Jessica.

„Ich fürchte, sie ist kaputt.“, antwortete er amüsiert.

„Aber was machen wir jetzt? Die Wäsche muss gewaschen werden. Und ich habe Hunger. Wer kocht nun?“, Jessica war ausser sich. Wie konnte ihr Mutter so egoistisch sein. Sie kann doch nicht den ganzen Tag einfach nichts machen.

„Ja, was kann man da machen?“, überlegte ihr Papa.

„Warum ist sie denn kaputt gegangen?“, fragte Max. „Vielleicht müssen wir eine neue kaufen.“

„Vielleicht ist nur ihre Batterie leer?“, sagte der Papa belustigt. „Man müsste sie aufladen. Oder zur Reparatur einschicken.“

„Einschicken? Wie dein Handy?“, fragte Max.

„Genau. Ich wüsste da auch schon wohin. Natürlich müssten wir überlegen, warum Mamas Batterie leer ist.“ Papa machte eine Pause und sah seine Kinder an. „Habt ihr eine Idee?“

Jessica verdrehte die Augen. „hmmm, Vielleicht sollten wir ihr mehr im Haushalt helfen?“, brummte sie mürrisch.

„Ja, ja, genau und aufräumen können wir auch, und staubsaugen.“, sagte Max begeistert. „Dann hält ihr Akku sicher tausend Jahre.“

„Ja, dann hält ihr Akku sicher tausend Jahre.“, sagte Papa und nahm Max auf den Arm. Er zwinkerte seiner Frau zu und ging zum Computer, um für sie ein Wellness Wochenende zu buchen.

Jessica ging zum Sofa und kniete sich neben ihre Mama. „So schlimm?“, fragte sie.

„Manchmal.“, flüsterte sie. Dann streichelte sie Jessica über die Wange. „Manchmal.“

Und Jessica antwortete ihr, „Du wirst schon sehen, mit dem neuen Akku, schaffst du das.“ Sie zwinkerte ihrer Mama schelmisch zu und ging in die Küche.