Das schöne Wetter hat mich zu einem Spaziergang gelockt. Doch in der neuen Umgebung habe ich nun die Orientierung verloren. Jetzt irre ich durch den lichten Wald. Meine Hände streifen die rauen Baumstämme, als könne ich so den richtigen Weg ertasten. Es ist ein freundlicher Tag. Die Sonne meint es gut. Sie blinzelt durch die noch dünn belaubten Zweige der Buchen. Der Frühling weckt die Bäume und aus der braunen Laubdecke am Boden räkeln sich kleine Sträucher und winzige Bäumchen. Ich vergesse, dass ich mich verlaufen habe, denn ich bin plötzlich auf etwas gestossen. Ich bin auf meinen Weg gestossen. Hier im Wald fühle ich mich auf einmal frei. Keine räumlichen Grenzen, keine gesellschaftlichen Zwänge, keine Erwartungen. Da bin nur ich und der Wald.

Ich stehe vor einer grossen Buche mit einem mächtigen Stamm. Meine Hände berühren die Rinde, tasten sie ab, spüren kleine Verletzungen. Und als ich in ihr gewaltiges Kronendach blicke, rauscht ein warmer Wind hindurch. Es ist als flüstern die frischen grünen Blätter mir etwas ins Ohr. Ich setze mich, um der Geschichte meines Baumes zu lauschen.

Der Boden ist weich und mit Laub und Moos bedeckt. Zwischen den Wurzeln laufen emsig Ameisen entlang und den Stamm empor. Ich beobachte eine Weile die Ameisenstrasse und verfolge sie mit den Augen. So viele kleine Tierchen und alle laufen sie geschäftig zu einem Hügel. Sie stapeln braune Lärchennadeln auf ihren Hügel. Also müssen hier auch Lärchen stehen. Ich sehe mich um und erkenne den hohen schlanken Baum. Zarte Nadelknospen sitzen an seinen dünnen Ästen. Lange beobachte ich die Zweige, wie sie ineinander verflochten scheinen und im Wind sich sanft hin und her schwingen.

Dort wo schon weiche junge Blätter an den Ästen sitzen, spielt die Sonne mit den unterschiedlichsten Grüntönen. Mir ist das nie aufgefallen, wie viele Arten von Grün es gibt. Die Sonnenstrahlen schlängelt sich durch die Äste und berühren hier und da den Boden. Die Reflexionen entwerfen ein wundervolles Lichtspiel. Ich verliere mich in dieser Traumwelt. Sehe wie hier vor über 100 Jahren meine Buche aus einem einzigen Nüsschen entsteht. Wie sich die erste weisse Wurzel aus dem Keim schiebt und den Boden abtastet. Dann streckt sich der erste Trieb der noch blassen Frühlingssonne entgegen. Kleine Blätter rollen sich aus den ersten Knospen und mein Baum macht seinen ersten Atemzug. Er erwacht zum Leben. Zieht gierig durch seine feinen Wurzelhärchen Wasser aus dem Boden und beginnt nun Nährstoffe in den Blättern zu produzieren. Er wächst und sein noch zartes Stämmchen verholzt langsam.

Ein noch kleines Bäumchen ist er, als das erste Reh sich in seinem Schutz ein Nestchen scharrt, um hier im Winter behaglich zu ruhen. Viele Jahre später ist aus dem Bäumchen ein stattlicher Baum gewachsen, genauso stattlich wie der Hirsch, der im Herbst sein Geweih an ihm wetzt und versucht es abzustreifen.

In den Zweigen sitzen nun Vögel und singen dem Frühling ein Begrüssungslied. Sie hüpfen von ein Ast zum Nächsten. Sie sind auf Brautschau. Hat dann einer ein Weibchen gefunden, wird ein Nest gebaut. Fleissig fliegen sie umher und sammeln im Wald, kleine Äste, Federn und abgestreiftes Winterfell.

Nah am Stamm entdecke ich ein Kobel. Tief und ruhig atme ich ein, um das Tier, dass dieses bewohnt, nicht zu stören. Ich bleibe ganz still sitzen und sehe einfach nur empor. Da erscheint zuerst ein buschiger Schwanz und dann huscht das Eichhörnchen den Ast entlang und springt auf den nächsten Baum. Dort läuft es am Stamm hinunter, verharrt kurz am Boden, scharrt zwischen den Blättern. Es lässt mich nicht aus den Augen. Dann huscht es mit der Nuss zwischen den Zähnen den Baum wieder empor und verschwindet im Geäst.

Was für ein wundersamer Ort, denke ich. Ich bin wie verzaubert. Gehe barfuss über das weiche Moos und ertaste mir dann vorsichtig einen Weg über den Waldboden, kleine Äste, raue Zapfen, glatte Blätter massieren meine Füsse. Wie die Rehe und Füchse hinterlasse ich eine Spur in der feuchten Erde. Ich bin eins mit der Welt im Wald. Ich spüre die würzige Luft auf meiner Haut. Plötzlich nehme ich hundert verschiedene Farben, Blüten und Blätter wahr. Eine Vielfalt breitet sich vor mir aus, wie ich sie nie erahnt habe.

Ich kann nur vermuten wie viel mehr Leben winzig klein noch auf dem Boden und in der Erde existiert. Und ich erkenne, welchen Schatz ich entdeckt habe. Ich lasse mich zwischen die Wurzeln meines Baumes sinken und schliesse die Augen. Diesen Moment möchte ich ganz tief in mir bewahren. Ich spüre, ich bin ein Teil des Waldes, jetzt gerade. Und mit diesem tiefen innigem Respekt werde ich meinen Weg weiter gehen.