Es war einmal vor langer langer Zeit, in einem schönen fernen Land ein kleines Mädchen. Sie hiess Isabelle und wohnte in einem grossen weissen Haus. Isabelle liebte es im Garten zu spielen. Sie hüpfte und sprang über die verschlungenen Wege und Kieseinfassungen der Blumenbeete, roch hier und da an den Apfelrosenblüten und den Zwergfliederbüschen. Isabelle hätte es nicht schöner haben können. Am allerliebsten spielte sie nach den langen Regengüssen im Garten. Denn dann konnte sie in Pfützen springen und mit den Fingern im Matsch malen.

Doch der Garten hatte auch etwas unheimliches. Hinter hohen Ligusterhecken verbarg sich der alte Kräutergarten. Hier standen auf einer Steinmauer Tontöpfe mit Setzlingen, Zinkgiesskannen, und da war auch der alte Brunnen.

An diesem Tag ging sie langsam durch den Garten. Sie beobachtete eine kleine dicke Hummel, wie sie von Blüte zu Blüte flog. Isabelle hockte sich dicht neben die Blumen und lauschte dem Brummen der Hummel. Doch da hörte sie noch etwas anderes. Ein Klopfen. Sie schlich auf nackten Füssen durch das noch feuchte Gras. Es hatte gerade erst aufgehört zu regnen, aber die Sonne blinzelte bereits durch die dicken Wolken. Isabelle nahm ihren ganzen Mut zusammen. Das Klopfen kam aus dem Kräutergarten.

Doch als sie um die Hecken trat, war da nichts. Vielleicht klopften letzte Regentropfen von den Bäumen auf die Giesskannen herunter. Ja, so muss es sein, dachte sie. Und gerade wollte sie wieder gehen, da hörte sie wieder ein leises Klopfen. Sie drehte sich um und sah direkt zu dem Brunnen.

Früher hatte man das Wasser von hier geholt. Doch das braucht man heute nicht mehr. Heute gab es in und an jedem Haus Wasser. Ob vielleicht Regentropfen durch die Bretter in den Brunnen tropften? Sicher stand dort noch Wasser drin. Oben drauf lagen ein paar alte verwitterte Holzbretter.

Langsam ging das Mädchen auf den Brunnen zu. Sie versuchte durch die Zwischenräume der Bretter ins Innere zu sehen, doch sie sah nichts. Vorsichtig schob sie ein Brett zur Seite. Aber es war viel zu dunkel im Brunnen. Sie konnte überhaupt nichts erkennen. Nicht einmal, ob Wasser darin war. Da hatte sie eine Idee. Sie lief schnell ins Haus und holte eine Taschenlampe. Damit sollte sie sicher bis ganz nach unten sehen können, dachte Isabelle. Doch der Brunnen war viel tiefer, als sie gedacht hatte. Auch mit der Taschenlampe konnte sie nichts erkennen. Sie hörte nur immer das leise Klopfen.

Isabelle überlegte, dann rief sie in den Brunnen, „Hallo? Haaalllo“

„Hallo. Hallo.“, knurrte eine mürrische Stimme zurück.

Dann sah Isabelle etwas den Brunnenschacht heraufklettern. Das Mädchen erschrak.

„Hallo. Hallo.“, knurrte die Stimme wieder und eine alte Hexe kletterte auf den Brunnenrand.

„Was soll das heissen, Hallo, Hallo?“, fragte die Brunnenhexe neugierig. Sie sah nicht böse aus. Also antwortete ihr Isabelle.

„Naja, Hallo, ist da jemand im Brunnen? Soll es heissen.“

„Achso.“, sagte die Hexe und kratze sich am Kopf. „Ja. Also dann. Hallo, da bin ich im Brunnen.“

„Und was machst du da drinnen?“. fragte Isabelle.

„Ja, was man so macht. Was machst du denn immer im Garten?“

„Spielen. Und springen.“, antwortete Isabelle.

„Genau. Das mache ich auch. Ich spiele. Ich spiele nämlich Schach. Aber im Moment kann ich einfach nicht weiter spielen. Da habe ich aus Langeweile mit meinen Fingern aufs Schachbrett getrommelt.“

„Ach, du warst das.“, sagte das Mädchen glücklich.

„Was?“

„Das Klopfen. Ich habe ein Klopfen gehört und bin ihm bis zum Brunnen gefolgt. Aber warum kannst du denn nicht weiterspielen?“

„Weil das Baby eingeschlafen ist.“, erklärte die Hexe. Sie spielt immer mit dem Brunnenhexenbaby Schach. Aber ein Baby braucht eben auch seinen Schlaf. Doch immer wenn es schläft, wird der Brunnenhexe furchtbar langweilig. Und dann bekommt sie schlechte Laune.

Das verstand Isabelle. Wenn ihr langweilig war, bekam sie auch schlechte Laune. Sie überlegte.

„Und wenn du in den Garten zum Spielen kommst, wenn das Brunnenhexenbaby schläft? Vielleicht zeigst du mir wie Schach geht, und ich zeige dir wie man richtig in Pfützen springt, so dass das Wasser ganz doll spritzt?“

Auf dem Gesicht der Hexe breitete sich ein warmes Lächeln aus. Sie sprang vom Brunnenrand und stampfte mit ihrem Fuss in eine Pfütze. Isabelle lachte und lachte. Und auch die Brunnenhexe lachte. Gemeinsam sprangen sie in alle Pfützen des Gartens und ruhten sich schliesslich unter den Apfelrosenbüschen vom Springen aus.

Seitdem war der Brunnenhexe nie mehr langweilig. Und Isabelle lernte von ihrer neuen Freundin Schach spielen.