Es war einmal vor langer langer Zeit, in einem fernen Land ein grosser und mächtiger Baum. Er stand auf einem kleinen Hügel in einer golden glänzenden Wiesenlandschaft. Vier Sonnen beschienen ihn am Tag. Im Osten ging eine rosa und lila leuchtende Sonne auf, im Süden eine Blaue. Im Westen leuchtete die Orangerote und Im Norden die milchig gelbe Sonne. Alle vier Sonnen wanderten im Lauf des Tages um den Baum und warfen vier farbige Schatten auf den goldenen Boden.

In der Nacht wanderten drei Monde über den schwarzen Himmel. Der Vollmond stand in der Mitte und neben ihm die nach rechts geöffnete Mondsichel und auf der anderen Seite, die nach links geöffnete Mondsichel. Im Mondlicht flogen silbrige Fäden durch die Nacht und blieben in den kahlen Zweigen des Baumes hängen, blies dann der Wind hindurch, summten sie eine leise Melodie.

Es gab kein einziges Blatt am Baum und das machte die Tiere, die dort lebten sehr traurig.

„Du lieber Baum warum hast du keine Blätter?“, flüsterte die Elefantenhummel eines Tages, als sie von Zweig zu Zweig flog und nach Knospen und Blüten suchte.

„Wozu brauch ich Blätter?“, murmelte der Baum. „Bin ich nicht gross und stark? Bin ich nicht verzweigt und schön?“

„Doch doch.“, antwortete die Elefantenhummel.“ Aber alle anderen Bäume haben Blätter. Sie rascheln damit im Wind. Sie fächeln sich damit Luft zu, wenn es zu warm ist. Und ihr Schatten ist grösser und mächtiger. Alle Tiere kommen um sich in diesen Schatten auszuruhen.“

„Ach so. Dann meinst du, ich brauche auch Blätter, um noch schöner zu sein? Und dass meine Schatten noch viel grösser sind?“ Der Baum dachte lange darüber nach. Dann begann er zu knarren und zu ächzen. Er strengte sich so sehr er konnte an, aber keine Knospe spriesste aus seinen schönen Zweigen. Das machte den Baum sehr traurig und er liess seine Äste und Zweige herabhängen. Dort wo sie den Boden berührten, verschmolzen sie mit ihren eigenen bunten Schatten. Kleine Wassertropfen rannen an den Zweigen herab und liessen sich auf die Erde fallen. Dort versanken sie im Boden. Winzige Blumen wuchsen an diesen Stellen, in den vielen Farben der Sonnen. Aber der Baum merkte dies nicht. Er war so tief in seiner Traurigkeit versunken, dass er auch nicht die Kinder bemerkte, die unter seinen Zweigen spielten. Sie banden sich die bunten Blüten ins Haar und um die Arme und tanzten und lachten.

Da bemerkte ein kleines Mädchen, wie traurig der Baum aussah. Sie fragte die Elefantenhummel, die von einer Blüte zur anderen schwirrte.

„Kennst du den Baum? Warum ist er so traurig?“

„Er ist schon sehr alt. Aber er hatte noch nie ein Blatt gehabt. Er wünscht sich so sehr auch Blätter zu haben, wie die anderen Bäume, doch es gelingt ihm nicht.“

Das kleine Mädchen musste nach Hause, aber es versprach bald wieder zu kommen.

Es vergingen viele Tage und viele Nächte, dann kam das Mädchen zurück. Es brachte ein Bild mit.

„Was hast du da?“, fragte die Elefantenhummel.

„Ich habe ein Bild für den Baum gemalt. Ein Traumbild.“ Und es hängte das Bild an einen Zweig. In den nächsten Tagen kamen immer mehr Kinder, auch sie hatten Bilder gemalt, die sie an die Zweige banden. Schon bald flatterten Hunderte von Traumbildern an den Zweigen des Baumes und er erwachte aus seiner Traurigkeit. Denn die Bilder kitzelten ihn, wenn sie im Wind umher flatterten. Auf jedem Bild war ein Traum gemalt und der Baum brauchte sehr lange bis er sich alle Bilder angesehen hatte.

Wenn der Regen einige Bilder verwaschen oder der Wind ein Traumbild abgerissen hatte, hängten die Kinder neue Bilder auf. Und es wurden immer mehr und mehr. Bald hing an jedem Zweig und jedem Ast ein Bild von einem Traum. Und der Baum war so glücklich, dass er vor Freude summte. Die Elefantenhummel schwirrte nun von einem Bild zum anderen und erzählte dem Baum jeden Abend einen anderen Traum.

Und wenn du ganz ganz leise bist, dann hörst du vielleicht das leise Wispern der Elefantenhummel und dann kannst du auch der Traumgeschichte lauschen.