Begleiten sie mich auf eine spannende Reise in eine ungewöhnliche Welt. Durch die aussergewöhnliche Perspektive, die sie mit mir einnehmen werden, erschliesst sich eine faszinierende Sichtweise auf den Garten und deren Bewohner. Oft bleibt diese dem emsig arbeitenden Gärtner verborgen. Doch heute öffnen wir die Tore zu dieser Welt der blinden Schleicher, der schwebenden Hummeln, der zirpenden Hüpfer und der schwimmenden Quaker.

Wir beginnen unsere Expedition in der Gartensiedlung Gänseklein. Und wie die Gänse, so gehen auch wir hintereinander im Gänsemarsch schnatternd den schmalen Weg bis zu unserem Garten entlang. Doch ab hier wird es still. Betreten wir nun ehrfürchtig das heiligste des Kleingartenfreundes. Warnschilder an der Gartentür weisen uns darauf hin, die Wege nicht zu verlassen und die Beete nicht zu betreten. Das ist das Reich des Gärtners, oberflächlich geordnet. Das Gemüse in den Beeten steht in Reih und Glied. Doch dieser Ordnung müssen wir entfliehen, um die eigentlichen Bewohner des Gartens ausfindig zu machen. Aus diesem Grund und um mit unserem auffälligen Verhalten nicht unnötig Aufmerksamkeit zu erregen, begeben wir uns hinter das Gartenhäuschen. Und da ist er, der Garten, wie er leibt und lebt. Knöchelhohes Gras, verunkrautete Beete, ein alter Komposthaufen und ein kleiner vernachlässigter Gartenteich.

Hier nehmen wir nun unsere Beobachtungsposition ein. Bitte legen sie sich flach auf den Bauch. Erst wenn das Kinn den Boden berührt, haben sie die richtige Perspektive gefunden. Mit Hilfe der Hände verschaffen wir uns einen Tunnelblick, der uns auf das wesentliche lenkt. Und nun still abwarten.

Erinnern sie sich an die kleinen Steine am Wegrand? Sehen sie zu ihrer Linken, hier türmen sie sich nun zu einer gewaltigen Felsformation auf. Ihre Schatten sind unüberbrückbare Zentimeter von uns entfernt. Wie gern würden wir nun der sengenden Mittagshitze, die uns im Nacken brennt, entkommen und in den kühlen Schatten der Steine Schutz suchen. Und wir wären nicht allein. Dort in den dunklen Tiefen rührt sich etwas. Vorsichtig zügelt es in die Luft. Wittert es uns? Es wird den sicheren Schutz der Steine nicht verlassen. Erst in den kühleren Abendstunden pirscht sich die Blindschleiche an Regenwürmer und Nacktschnecken heran, um dann mit einem gekonnten Biss zu zupacken. Doch so lange werden wir nicht ausharren können. Lediglich den Schatten des scheuen Tieres können wir erahnen.

Derweil werden wir umschwärmt, wie Sommerblüten. Über unseren Köpfen dröhnt die Luft. Ein ganzen Geschwader von Bienen und Hummeln durchkreuzt die warme Frühlingsluft. Noch blühen wenig Blumen. Ausser Primeln und Küchenschellen ist nichts zu sehen und doch geht es im Garten zu wie im Bienenstock. Ein Grund dafür ist der kleine Teich. Richten wir unsere Blicke einmal auf das dahinplätschernde Gewässer. Eine Pumpe befördert Teichwasser über einen Schlauch zu einem Bachlauf. Das feine Rinnsal, für uns einem Wasserfall gleichend, tröpfelt munter auf die Steine im Bachbett. Azaleen und Purpurglöckchen gedeihen um Ufer. Wie Bäume muten nun ihre Stämmchen an. Hier endet das Summen und Surrend für eine kleine Verschnaufpause. Bienen hocken auf Blättern und Steinen am Rand des Teiches und trinken eifrig das erfrischende Nass. Der Winter war lang und die Tierchen haben Durst. Es ist ein richtiges Gedränge. Doch da bahnt sich ein Drama an. Wie an jedem anderen Wasserloch, dass von zu vielen Tieren aufgesucht wird, eines fällt ins Wasser. Sind in Afrika sofort todbringende Krokodile zur Stelle, wird im Gartenteich die Biene einen unerbittlichen Kampf gegen die Zeit kämpfen. Um ihr Leben paddeld sie mit ihren zarten Beinchen und schlägt wild mit den Flügeln. Doch all das nützt ihr nichts, wenn nicht in der Nähe ein Ast oder rettender Halm ins Wasser ragt. Erschöpft gibt die Biene auf und ertrinkt oder verhungert auf der Wasseroberfläche treibend. Ein grausames Schauspiel, dass sich täglich wiederholt. Doch robben wir etwas näher an den Teich. Können sie den kleinen Schatz am Grund entdecken? Ist der Teich noch so klein, hat sich einmal ein Frosch in ihn und seine Umgebung verliebt, so bleibt er und beglückt den aufmerksamen Beobachter abends mit seinem Quahahak.

Am Teichgrund sehen sie viele kleine Blasen zu einer Blume zusammengefügt. Eine Blüte aus Froscheiern. Der Laich schwimmt tagelang am Boden, dort wo der Teich nicht einfriert. Noch sind die Nächte kalt und das Wasser des Teiches kann an der Oberfläche frieren.

Trotz Eiablage verbringt der Frosch noch einige Zeit in der Nähe des Gewässers. Vielleicht um weitere Eier abzulegen oder um einfach die schöne Umgebung zu geniessen. Um dem Frosch zu begegnen, müssen wir uns sehr vorsichtig ans Gewässer heranschieben. Sehen sie, dort unter der Wurzel halb von Wasser bedeckt, hockt er. Bitte setzen sie ihre Tunnelbrille dazu ein. Die Hände zu Röhren formen. Können sie ihn jetzt sehen? Bitte. Manchmal ist doch so ein Tunnelblick richtig nützlich.

Bevor wir nun vorsichtig den Garten rückwärts kriechend verlassen, möchte ich sie noch darauf hinweisen, auf die Staudenknospen zu achten. Die Erde ist von der Sonne erwärmt, die Frühblüher sind schon verblüht und die dicken Tulpenknospen stehen kurz vor dem Aufplatzen. Doch der Garten ist bereits vollständig aus dem Winterschlaf erwacht. In den Baumkronen der Hochstämmchen können wir die Blatt- und Blütenknospen erkennen. Und aus dem warmen Erdreich strecken die Pfingstrosen ihre kleinen roten Köpfchen, und hier und da die ersten grünen Blättchen des Frauenmantels.

Und nun bevor wir auftauchen, lassen sie uns noch einmal inne halten. Bitte setzen sie sich zunächst einmal nur aufrecht hin. Schliessen sie ihre Augen und lauschen sie. Hören sie das Rascheln zwischen den Steinen, das Summen in der Luft, das Plätschern  im Teich? Atmen sie tief ein und öffnen sie jetzt die Augen. Bitte seien sie vorsichtig beim Aufstehen. Sie verwandeln sich binnen Sekunden von der Ameise zum Riesen. Bedenken sie das immer. Im Garten sind wir die Riesen. Bitte nun langsam und im Gänsemarsch zurück. Auf Wiedersehen. Ich hoffe sie hatten genau so viel Freude an unserer Expedition ins Gartenreich, wie ich. Bis zum nächsten Mal.