Eigentlich wollte ich schon immer vier Kinder haben. Ob ich als Kind schon gern mit Puppen gespielt habe, weiss ich nicht mehr so genau. Ich hatte zwar, wie jedes Mädchen, eine Babypuppe, die auch einen Name hatte, aber ob ich mit ihr richtig gespielt habe … ?

Aber ich erinnere mich noch gut daran, als das erste Baby in die Familie kam. Ich war 9 oder 10 Jahre alt. Meine Cousinen waren um einiges älter und bekamen im Laufe der Jahre ein Kind nach dem anderen. Schliesslich hatte ich 8 Grosscousinen und -cousins. Und da begann meine Leidenschaft für Kinder.

Bei allen Familientreffen beschäftigte ich mich stets mehr mit den Kindern, als mit den Erwachsenen. Da war es ja nur natürlich, dass ich selbst auch ein paar Kinder wollte. Gern mehr, als die Norm. Ich begann auch gleich mit zwei Kindern, Zwillingen. Mir war damals im Kreisssaal schon klar gewesen, dass ich nach dem Doppelpack, noch ein einzelnes Kind haben will, aber frühestens in 5 Jahren. Ich wollte meinen Kindern gerecht werden und Zeit für sie haben, bevor ein neues Baby mich einnimmt.

Genauso hielt ich es auch bei Baby Nummer 3. Auch dieses Kind sollte ein paar Jahre Vorsprung haben, bevor es ein weiteres Geschwisterchen bekommt. Ich dachte so sind die Kinder immer gross genug und haben Verständnis, wenn ich, wegen eines neuen Babys, weniger Zeit für sie hätte. Sie könnten lernen Verantwortung zu übernehmen, ohne ihnen jedoch eine erzieherische Last aufzubürden.

Man denkt, um so mehr Kinder, um so besser für das Kindeswohl des Einzelnen. Sie lernen viel voneinander und miteinander. Und auch für uns Eltern ist es schön sie aufwachsen zu sehen. Doch die Realität ist oft härter, als man erwartet hat.

So gab es in den letzten Jahren schon öfter Situationen, die mich sehr auf die Probe gestellt haben. Nachts lag ich dann wach und fragte mich, ob das alles so richtig war, mit den vier Kindern. Oder war das alles nur purer Egoismus?

Wären die Zwillinge anders geworden, ohne weitere Geschwister? Zufriedener mit sich und der Welt? Werde ich ihren Bedürfnissen noch gerecht? Wäre unser Verhältnis ein anderes, inniger, wenn sie die einzigen Kinder geblieben wären?

Natürlich schenkt man sehr viel körperliche Nähe und sichtbare Liebe den Kleineren, den Babys und Kleinkindern. Aber wollen denn die Grossen soviel Zuwendung überhaupt? Sicher nicht. Körperliche Nähe ist ab einem bestimmten Alter peinlich und wird nur widerwillig und ohne Zeugen gewährt. Oder liegt das auch nur daran, dass ich ihnen diese Zuwendung entzog und mich mehr auf das Baby konzentrierte?

Okay, ich gebe zu meine Grossen sind gerade sehr mit sich selbst beschäftigt. Pubertät steht mit dicken Pickeln auf ihrer Stirn geschrieben. Aber ist das wirklich alles? Oder bin ich mehr schuld daran, als ich mir eingestehe?

Wie hatte ich mich auf diese Zeit mit meiner Grossen gefreut. Mutter und Tochter. Frauenshoppingtage, wichtige Gespräche, Frauengeheimnisse… . Doch ich musste traurig feststellen, dass das nur ein Traum meinerseits war. Was daraus wurde, sind widerwillige Shoppingtouren, gequälte Gespräche, und Geheimnisse, die nicht für mich bestimmt sind.

Aber wo bleibe ich? Bin ich noch Mutter von vier Kindern? Oder sind es nur noch zwei Kinder und zwei Untermieter ( allerdings mietfrei ), für die ich Ordnung machen und kochen darf?

Welche Rolle spiele ich denn als Mutter noch im Leben meiner Grossen? Oder endet hier mein Job. Entlassen, fristlos.

Das trifft mich schwer. Darauf war ich nicht vorbereitet. Auf zugeschlagene Türen und heftige Diskussionen schon, aber nicht auf Schweigen, Lustlosigkeit, Abwenden.

Ist es da nicht nur natürlich, dass ich befürchte etwas ganz falsch gemacht zu haben? Wären nicht zwei Kinder evolutionär völlig ausreichend gewesen? Wäre dann die Bindung zu meinen Grossen jetzt inniger? Oder ist es normal, dass wir Eltern nun weggestossen werden?

Mein Mann hat übrigens ein ganz ähnliches Problem mit dem Grossen. Jedoch knallen da die Türen und fliegen die Fetzen. Wird es wieder besser? Oder verliere ich meine Tochter mehr und mehr?

Mir bleibt im Moment nur die Kleine, die mich tröstet, deren grosses Vorbild ich bin. Aber ob ich bei ihr alles richtig mache, wo sie doch das letzte der Geschwister ist?